Zegul Arrow Play MV PE – ein „Verlegenheitsboot“ das Spaß macht!

Author und Bilder: Lars Klüser, SeaKajak Kehdingen

 

Eigentlich sollte hier ein Testbericht des Reval Midi von Tahe Marine stehen. Sollte eigentlich… Leider hat Tahe Marine derzeit eine überraschend lange Wartezeit für die PE Version des Reval. Nach und nach rückte aber der Sommer näher und damit auch die Abreise nach Jersey (ein Bericht folgt dann im August an bekannter Stelle). Vorher sollte das neue Boot aber unbedingt nochmal ins Wasser. Als die Tage länger und die Zahl der Wochen bis zur Abfahrt immer kleiner wurden musste ich also überlegen. Was tun? Darauf vertrauen, dass der Reval doch noch in letzter Minute geliefert wird? In den Felsengärten des Englischen Kanals mit dem Composite Boot umherfahren und hoffen, dass die Steine ausweichen? Oder doch den Wind Solo mitnehmen? Kurze Rücksprache mit dem Dealer meines Vertrauens förderte zutage, dass an einen Reval zwar zurzeit nicht heranzukommen sei, ein Arrow Play MV in der PE Variante aber durchaus zu haben wäre. Sogar in Gelb! Ein kurzer Blick in das Produktblatt zeigte dass das Boot durchaus meinen Anforderungen entsprechen würde, aber die Luke ist etwas kleiner als beim Reval. Wie verschiedentlich an dieser Stelle schon mal erwähnt, ist Lukengröße bei meiner Beinlänge durchaus ein Thema. 

 

Jörg konnte das Boot glücklicherweise kurzfristig besorgen, also bin ich schnell mal nach Lübeck gefahren zum Probesitzen. Meine ersten Befürchtungen, dass die Luke zu klein sei, haben sich zum Glück nicht bewahrheitet. Zumindest an Land stellte die Luke kein Hindernis dar. Aber wie würde das auf dem Wasser und vor allem beim „Wet-Reentry“ sein? Egal. Eine Entscheidung musste her. Nach einem Blick auf das Boot „in Natura“ mit seinen eleganten Linien, großem Kielsprung und dem allgemeinen Auftritt von Luken, Decksleinen und allem was man so beäugt als Paddler viel die Entscheidung leicht. Das wird’s, sonst muss doch das Composite Boot herhalten. Also schnell die Details geklärt und ab aufs Dach mit dem „Spielpfeil“.

Das Boot war nun da, also musste es auch so schnell wie möglich aufs Wasser. Es musste sich ja noch bewähren. Dumm nur, dass die Wettervorhersage kein gemütliches Paddel- und Wiedereinstiegstest-Wetter parat hielt. Stattdessen 14°C, Regenschauer und Wind mit 6 Beaufort, in Böen auch mal bis 8. Nicht so toll. Immerhin Hochwasser um die Mittagszeit, so dass mir zumindest Schlickrutschen oder Wattwandern erspart blieben. Ich wollte das Boot ja testen. Und hier waren Testbedingungen. Allerdings bedeutet Test auch immer, dass man vorher nicht so ganz genau weiß, wie das Boot so reagiert und wie groß die Sicherheitsreserven sind. Also war schnell klar, dass das Testrevier Krautsand sein würde: In Richtung Schwarztonnensand erst ein wenig Downwind mit schiebendem Strom von hinten, dann aufs Hochwasser warten und mit Hilfe der ablaufenden Tide gegen den Wind zurück. Soweit der Plan.

Der Zegul Arrow Play PE ist ein langes und stabiles PE Seekajak. Das bedeutet, er bringt etwas mehr Gewicht mit als zum Beispiel die e-core Boote der Spirit Serie von Tahe Marine. Dieses Gewicht ist der Preis für ein Boot, das für ein PE Kajak angenehm steif in der Welle liegt und auch sonst mit viel Liebe fürs Detail aufwartet. Das Tagesstaufach lässt sich aufgrund der runden 8‘‘ Luke angenehm packen und eine kleine Luke vor dem Cockpit für den Geldbeutel oder die Seenotraketen und Schokoriegel gibt es zusätzlich. Die Decksleinen sind eines hochwertigen Seekajaks würdig und intelligent gezogen. Der Aufsteckkompass ließ sich wunderbar genau im Blickfeld platzieren und wanderte auch bei mehrfachen Waschgängen in der Welle nicht hin und her. Zweigeteilte Zusatzleinen vorne und hinten lassen alle Flexibilität für die Positionierung von Ersatzpaddel und Pumpe, die man sich so vorstellen kann. Soweit also alles sehr zufriedenstellend.

Und auf dem Wasser? Eins vorweg: den nassen Wiedereinstieg habe ich bei den herrschenden Bedingungen nicht ausprobiert. Der Einstieg ins Boot ging flüssig und schnell. Das war bei den ca. 60cm Welle, die mittlerweile am Strand anlandeten auch sehr hilfreich. Im Boot fühlte ich mich in der Welle auf Anhieb wohl. Durch den Kielsprung reagiert der Arrow Play in bester Spielbootmanier auf Anhieb auf jeden Paddelschlag. Bogenschlag, flache Stütze, Bugruder oder Ziehschlag: der Pfeil folgt dem Paddler wohin der will. Schnell beschleunigen? Auch kein Problem. Der schmale Querschnitt verbunden mit der Länge des Bootes sorgen für Beschleunigungswerte die keinen Vergleich zu scheuen brauchen. Mit Wind und Strom im Rücken ging es mit einem Tempo dahin, das man eher vom Surfski kennt als vom Seekajak. Auch die von achtern schiebende Welle sorgte eher für Begeisterungsausbrüche als für Sorgenfalten. Nach einem Blick auf die Uhr und einem raschen prüfenden Blick nach Westen, wo sich die nächste Böenfront mit Schauerlinie ankündigte habe ich beschlossen, nicht in demselben Tempo weiter zu „fliegen“. Ich musste ja auch noch gegen Wind und Welle zurück! Außerdem wollte ich das Boot doch testen. Also schnell mal ausprobiert, wie der Arrow denn gegen Wind, Welle und Tidenstrom so vorankommt. Und dann kam die größte Überraschung des Tages: erstaunlich schnell! Mit flach gehaltenem Paddel und voller Körperrotation kam ich erstaunlich gut voran und war bald schon zurück am Strand. Durch gezielten Einsatz des Skegs lässt sich das Boot auch wunderbar auf Kurs halten.

 

Und dann kam eines der zahlreichen Containerschiffe auf dem Weg nach Hamburg. Voll beladen schaufelte es durch das Elbwasser und zog eine ansehnliche Heckwelle hinter sich her. Als diese auf die Flachbereiche außerhalb des Fahrwassers traf, baute sich eine beeindruckende Wand aus Wasser vor mir auf. Steil, hoch (deutlich über einen Meter, schätze ich) und oben brechend. Die erste habe ich direkt durchstochen, in die zweite dann fast quer hineingestützt. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, dass der Arrow Play instabil wäre oder nicht genau das tun würde was ich erwarten würde. Die Beschleunigung ist groß genug, um unmittelbar vor einer solchen Welle anzusetzen und trotzdem sauber durch zu kommen. Ein echtes Spaßboot.

Wenn da nicht dieser kleine Wermutstropfen wäre. Nach nicht einmal einer halben Stunde sind mir die Beine eingeschlafen, in einer Intensität, wie ich sie eigentlich nur aus dem Wildwasser-Rodeoboot kenne. Das schmälerte den Spaß dann doch massiv und schränkte auch die Anlande- und Ablegetests mit Welle, Wind und Strom etwas ein. Auf der anderen Seite waren die jetzt häufiger nötig, um mir die Beine zu vertreten und die Muskeln zu entspannen. Die schnelle Beschleunigung des Arrow Play ist definitiv ein Pluspunkt beim Start mit Wellen, die hohe Wendigkeit und der hoch gezogene Bug machen diese aber auch nötig. Das Anlanden hingegen geht auch mit Welle sehr kontrolliert und entspannt – so denn die Beine ihren Dienst nicht versagen.

 

Alles in allem ein Bootstest unter „Realbedingungen“ mit vielen positiven aber auch einem deutlich negativen Punkt. Das konnte so nicht bleiben, und wieder die Frage: was tun?

Also habe ich zu Hause angekommen das Boot erstmal aufgebockt um zu analysieren, warum die Beine tun, was sie tun. Nach einem intensiven Blick auf die Rückenlehne war schnell klar, dass diese viel zu eng eingestellt ist. Die neue Sitzschale von Zegul mag mit ihrer „anatomisch geformten“ Struktur, die vermutlich nicht vollständig meiner Anatomie folgt, ein Übriges tun. Also erstmal Sitz und Rückenlehne ausbauen um genauer hinzuschauen. Die Sitzschale ist gut und liegt vor allem auch gut auf und ist mit Schaumstreifen unterfüttert. Das ist ja leider nicht bei allen Herstellern der Fall, Valley hat da wohl gerade auf Kundendruck massiv nachbessern müssen. Also war schnell klar, der Sitz muss drin bleiben. Die Rückenlehne hat aufgrund des bewährten und von Tahe bekannten Systems mit den Lochstreifen fast unendlich viele Möglichkeiten, sie einzubauen. Ich habe mich dafür entschieden, sie tiefer und deutlich weiter hinten wieder anzuschrauben. Dadurch komme ich jetzt zwar nicht mehr so ohne weiteres mit einem Schwamm hinter den Sitz, aber dafür drückt mir die Lehne auch nicht mehr auf die Rückenwirbel. Das kommt nicht nur meiner Beweglichkeit beim Paddeln zugute, sondern lindert auch das Problem mit den einschlafenden Beinen. Ein kleiner Testrun auf der Oste am nächsten Tag zeigte, dass die Sitzposition (für mich) so um ein vielfaches angenehmer ist. Der nächste längere Einsatz folgt, aber mittlerweile bin ich überzeugt, dass dieses „Verlegenheitsboot“ ein mehr als adäquater Ersatz für den ursprünglichen „Plan A“ ist und ich im Englischen Kanal sehr viel Spaß mit diesem Spielboot haben werde.

Fazit: Zegul baut ein Boot mit dem Namen „Arrow Play“. Das Boot ist schnell. Sehr schnell. Und das Boot spielt. Mit jeder Welle, ob groß, ob klein. Das Boot macht Spaß. Also hat Zegul durchaus den richtigen Namen gewählt. Ein tolles Kajak für alle, die Agilität und Wendigkeit lieben und ein durchdachtes Kajak wollen, das nicht nur auf flachem Wasser „funktioniert“. Preis und Leistung liegen bei diesem Kajak absolut im richtigen Verhältnis. Ich bin tatsächlich ein kleines bisschen froh, dass Tahe den bestellten Reval nicht sofort liefern konnte…

Seekajak Zegul Arrow Play PE

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Kommentare: 3
  • #1

    Wolfgang Knieling (Dienstag, 31 Juli 2018 15:51)

    wenn ich das so lese klingt das so, als ob das Kajak auch für nicht ganz so blutige Anfänger geeignet sei. Bei meinen Maßen von 184cm Größe, einer zur Zeit leider zu dicken Wampe bei 100 Kg und entsprechend langen Beinen. Das letzte Kajak von vor mehr als 18 Jahren war ein P&H Capella in PE (165 meine ich mich zu erinnern hieß der Typ). Mit dem kam ich auch bei starken Winden auf der Außenalster gut zurecht ohne ungewollt zu wassern. Gibt es noch eine andere Empfehlung aus dem Hause Tahe?
    By the way, Lars Klüser wohnt nur drei Ecken von mir entfernt in Osten.

  • #2

    Jörg (Kanushop Lübeck) (Dienstag, 31 Juli 2018 15:55)

    Moin Wolfgang,

    eine Alternative wäre evtl. noch ein Reval Midi von Tahe! Das ist etwas mehr auf Touren ausgelegt und etwas weniger aufs spielen in der Welle. Dennoch muss man sagen, beide sind für beides geeignet.

  • #3

    Lars (SeaKayak Kehdingen) (Dienstag, 31 Juli 2018 17:43)

    Moin Wolfgang! Ich würde Dir empfehlen, Dich mal in den Zegul reinzusetzen und ein paar Schläge zu paddeln (können wir ja unkompliziert auf der Oste mal machen) und definitiv auch den Reval Midi, den Jörg angesprochen hat, mal auszuprobieren! Für die Oste ist sonst auch der Wind Solo von Tahe ein schönes Boot - der ist definitiv nicht mehr zum Wellen-Spielen auf der Nordsee, aber Top auf Flüssen wie Oste oder Elbe. Den habe ich auch zu Hause liegen.